|
5. Verzichte auf Gewalt
Diese Regel bezieht sich sowohl auf die notwendige innere Haltung, die menschliches Zusammenleben ermöglicht, als auch auf die Formung eines menschenwürdigen Charakters. Bei
den Tieren sind die Verhaltensmuster zur Erhaltung ihrer Art in ihren natürlichen Anlagen vorhanden und werden von der Natur gelenkt. Der Mensch kann sie durch seine
Verselbständigung mit egoistischen Interessen ersetzen und braucht daher eine durch Erkenntnis verinnerlichte Instanz, die auf das Maß seiner Handlungen achtet. Diese Instanz ist
dem Menschen nicht mitgegeben, er muß sie sich erarbeiten. Deshalb mahnt diese Regel zum Verzicht auf körperliche Gewalt und bezeichnet gleichzeitig alle Formen der
Gewaltanwendung als menschenunwürdig.
Ein Fortgeschrittener in den Kampfkünsten kann anderen Menschen ernsthafte Verletzungen zufügen und ist dann, wenn er seine Fähigkeiten als Machtmittel gegenüber seinen
Mitmenschen verwendet, eine Gefahr für die Gesellschaft und ein menschenunwürdiges Individuum. Auf dieser Grundlage wurde ursprünglich das Budo vom Bujutsu getrennt. Das Ziel
des Bujutsu war es, vollendete Formen des Tötens zu lehren, während das Budo die Selbstmeisterschaft, also die Meisterschaft des Verhaltens lehrt. Meister FUNAKOSHIS
Karate ni sente nashi ("Im Karate gibt es keinen Angriff") erläutert, daß der Mensch als geistigesWesen die Fähigkeit besitzt, Wege der
Gewaltlosigkeit zu finden, wenn er den Situationen mit überwundenem Ich begegnet. Die Lösung zwischenmenschlicher Probleme auf der Basis der Gewalt ist eine primitive
Gepflogenheit und ermöglicht kein menschliches Zusammenleben unter dem Zeichen des Geistes. Der gebildete Mensch ist in der Lage, Situationen zu beurteilen und
Lösungen zu suchen. Ist sein Resultat dennoch die Gewalt, hat er sich vom Tier nicht weit entfernt.
In der Geschichte der Kampfkünste wie auch in der Menschengeschichte gibt es viele Zeugnisse von großem Leid, das durch Gewaltanwendung über die Menschen kam. Dennoch
gehen viele Kampfkunstanhänger mit diesem Leitsatz sehr leichtfertig um. Manche Menschen üben die Kampfkünste nur mit dem Zweck, ihre Gegner besiegen zu lernen. Budo ist
jedoch vor allem eine Kunst der Selbstperfektion, und dazu gehört das richtige Verständnis dieser Regel.
|